Sexualpädagogisches Konzept der KITA Scheuern

Grenzüberschreitendes Verhalten unter Kindern nahmen wir zum Anlass, uns seit Frühjahr  2010 intensiver mit den Themen

  • Kindliche Sexualität – Was ist eigentlich normal?
  • Sexuelle Übergriffe unter Kindern
  • Sexueller Missbrauch, d.h. sexuelle Gewalt durch Erwachsene an Kindern und dem fachlich angemessenen pädagogischen Umgang zu befassen.

Was können wir tun, um Kinder in der Entwicklung einer positiven, bejahenden Sexualität zu unterstützen, sie vor grenzüberschreitendem sexuellem Verhalten durch andere Kinder bzw. sexueller Gewalt durch Erwachsene zu schützen, sie in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken bzw. ihnen basierend auf einer vertrauensvollen Beziehung die Möglichkeit zu geben, sich einem Erwachsenen anzuvertrauen und von Geschehnissen zu erzählen?

Neben der Auseinandersetzung mit Fachliteratur wurden Fortbildungen besucht und wir beschlossen, am Koblenzer Präventionsprojekt teilzunehmen, das folgende Bausteine beinhaltet:

  • eine 1 ½-tägige Teamfortbildung
  • einen Materialkoffer für die pädagogische Arbeit (Bilderbücher, Fachliteratur…)
  • einen Elternabend mit Gisela Braun (Dipl.-Pädagogin, Fachreferentin bei der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz in Köln, Autorin von Fachpublikationen, Kinderbüchern und einem Elternratgeber zum Thema des sexuellen Missbrauchs) und
  • ein theaterpädagogisches Angebot für Vorschul- und Grundschulkinder (Die große Nein-Tonne).

Die fachliche Auseinandersetzung im Team hat folgende Haltungen und verbindliche Vorgehensweisen als Bestandteil unserer Konzeption zum Ergebnis. Insgesamt zielt all das, was wir tun, auf Prävention: alle pädagogischen Maßnahmen sollen Grenzüberschreitungen und Gewalterfahrungen verhindern!

Wir nehmen als Ausgangsbasis zur Kenntnis, dass der Mensch ein sexuelles Wesen ist. Sexualität ist ein menschliches Grundbedürfnis und eine Urkraft! Wie sich Sexualität ausdrückt, ist abhängig von kulturellen und religiösen Werten, Erfahrungen in der Familie und im Freundeskreis und der persönlichen Einstellung, die sich nach den jeweiligen Erfahrungen entwickelt.

Entwicklung kindlicher Sexualität

Auf sich selbst bezogene sexuelle Aktivitäten sind bereits bei Neugeborenen zu beobachten, die sich im Genitalbereich berühren und dabei angenehme Gefühle empfinden.

Vom Ende des 2. Lebensjahres an berühren sich Kinder gezielt im Sinne von Masturbation, verspüren lustvolle Gefühle und können gelegentlich Orgasmen erleben. Um ihren Körper kennenzulernen und auszuprobieren, findet frühkindliche Selbstbefriedigung in der gesamten Kindheit statt.

Ab ca. 3 Jahren interessieren sich Kinder für sexuelle Handlungen mit anderen. In sog. Doktorspielen vergewissern sie sich der Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die sie wahrnehmen, und begreifen zunehmend das eigene biologische Geschlecht.

Nach dem 5. Lebensjahr, wenn diese Aneignungsprozesse weitgehend stattgefunden haben, lässt das Interesse an Doktorspielen mit anderen Kindern nach, verschwindet aber nicht ganz. In diesem Alter entstehen auch Gefühle von Verliebtheit, unabhängig vom Geschlecht des Gegenübers und manchmal auch unabhängig vom Alter. In der Verliebtheit wird Nähe und Zärtlichkeit gesucht, kuscheln, Hände fassen, vielleicht auch küssen gewünscht.

Das Bedürfnis nach sexuellen Aktivitäten ist bei Kindern sehr unterschiedlich ausgeprägt, verläuft in unterschiedlichen Phasen und spielt eine unterschiedlich große Rolle in Abhängigkeit von anderen Lebensbereichen, die an Bedeutung gewinnen.

Kinder, die sich weniger sexuell aktiv zeigen, haben bereits erfasst, dass ihr Verhalten unerwünscht ist und u. U. sanktioniert wird, so dass sie ihre sexuelle Neugier völlig unbeobachtet stillen.

 

Unterschiedliche Facetten kindlicher Sexualität

Sexuelle Aktivitäten im Kindesalter zeigen sich in vielfältigen Formen, wie z.B. Kinderfreundschaften, frühkindlicher Selbstbefriedigung / Masturbation, sexuellen Rollenspielen (Vater-Mutter-Kind-Spiele, Doktorspiele), Körperscham gegenüber Nacktheit und körperlicher Nähe, Fragen zur Sexualität und sexuellem Vokabular.

 

Unterscheidung kindlicher Sexualität und Erwachsenen-Sexualität

Kindliche Sexualität stellt keine noch unreife Form erwachsener Sexualität dar.

Wesentliche Merkmale kindlicher Sexualität sind:

  • Kinder unterscheiden nicht zwischen Zärtlichkeit, Sinnlichkeit und Sexualität: alles zusammen wird als einheitliches Erleben von Körper, Gefühlen und Verstand wahrgenommen und praktiziert. Das Kind entwickelt so eine ganzheitliche Identität.
  • Der eigene Körper wird als Quelle von Lustgefühlen entdeckt. Kinder leben ihre Sexualität spontan, neugierig und unbefangen; sie ist durch Entdeckungslust und Neugierde charakterisiert. Schamgrenzen und gesellschaftliche Sexualnormen entwickeln sie erst im Laufe der Kindheit.
  • Sexualität wird selbstbezogen gelebt und ist nicht auf ein Gegenüber bezogen.
  • Kindliche Sexualität ist wenig(er) lustbezogen oder beziehungsorieniert.
  • Kinder richten ihre Konzentration nicht auf die Geschlechtsteile, beziehen genitale Erregung aber schon in den ersten Lebensmonaten in ihr Handeln mit ein.
  • Kinder wollen keine „Erwachsenensexualität“ leben, imitieren sie dagegen schon, d.h. dass Kinder, die aufgeklärt sind, Geschlechtsverkehr auch nachspielen. Diese Imitation ist aber nicht mit Lustgefühlen und Begehren gekoppelt, sondern ein Ausprobieren von Erwachsenen-Rollen.
  • Kinder haben keine feste „Bezugsperson“ zu der sie im Sinne kindlicher Sexualität Nähe suchen und Zärtlichkeit leben wollen. Dazu suchen sie auch mit weiteren Kindern / Menschen Kontakt (auch Erwachsenen gegenüber können sie starke Gefühle entwickeln, die aber niemals die Sehnsucht nach erwachsener Sexualität beinhalten. Hierbei sind die Erwachsenen immer für ihre Gefühle und ihr Verhalten verantwortlich!).
  • Verliebtheit geht nicht unbedingt mit sexuellen Aktivitäten einher.

 

Was ist eigentlich normal? - Folgende Beispiele zeigen sexuelle Aktivitäten, die im Verlauf der normalen Entwicklung zu beobachten sind:

  • Ein 2-Jähriger zieht beim Vorlesen in der Kita-Gruppe an seinem Penis.
  • Mädchen und Jungen zeigen sich auf der Toilette gegenseitig ihre Geschlechtsteile.
  • Zwei 4-jährige Mädchen verstecken sich unter einer Decke und berühren sich gegenseitig an der Scheide.
  • Eine 6-Jährige und ihr gleichaltriger Freund legen sich bekleidet aufeinander und bewegen sich dabei lachend.
  • Ein 4-jähriges Mädchen reibt sich beim Fernsehen an der Lehne des Sessels.

 

Die Sexualität Erwachsener

  • bezieht sich im Wesentlichen auf die Geschlechtsorgane, ist also vorwiegend genitale Sexualität;
  • zielt zumeist auf körperliche Vereinigung, sexuell befriedigende Höhepunkte und gegebenenfalls auf Fortpflanzung.
  • Die meisten Erwachsenen leben ihre Sexualität mit ausgewählten Sexualpartnern.
  • Sie haben dabei die gesellschaftlichen und biologischen Folgen im Blick und
  • orientieren sich an moralischen Regeln, die ihnen die Gesellschaft, die persönliche und/oder religiöse Überzeugung vorgeben.

 

Unsere pädagogische Aufgabe

Die Bildungs- und Erziehungsempfehlungen für Kindertagesstätten in Rheinland-Pfalz sind unsere verbindliche Arbeitsgrundlage. Im Bildungs- und Erziehungsbereich Körper –Gesundheit –Sexualität  steht folgendes:

„Kinder haben ein natürliches Interesse am eigenen Körper. Sie sind von Geburt an sexuelle Wesen mit eigenen sexuellen Bedürfnissen und Wünschen. Im liebevollen Umgang mit dem Körper entwickeln sie ein bejahendes Körpergefühl. Die Wahrnehmung eigener Grenzen und ein starkes Selbstwertgefühl sind beste Voraussetzungen, um Übergriffe wahrzunehmen und sich davor zu schützen. (…)

Kinder erhalten Gelegenheit:

  • den eigenen Körper in vielfältigen Zusammenhängen zu erfahren und zu erproben,
  • die eigene körperliche Entwicklung bewusst wahrzunehmen,
  • die wesentlichen Körperteile und Organe kennen zu lernen und zu erforschen,
  • ihren Wunsch nach Nähe, Zuwendung und Körperkontakt zu erfüllen und ein zärtliches Körpergefühl zu entwickeln,
  • ihre Intimsphäre zu schützen,
  • ihre sinnliche Wahrnehmung und Genussfähigkeit zu entfalten,
  • ihre Neugierde am eigenen Körper und an den Körpern Anderer zu befriedigen (soweit keine Verletzungsgefahr damit verbunden ist) und dabei ein Gefühl sowohl für eigene als auch für die Grenzen Anderer zu entwickeln, (.…)“

Als Teil der Persönlichkeitsentwicklung und Gesundheitsförderung unterstützen wir die Kinder in ihrer sexuellen Entwicklung und fördern ihren Zugang zu einer bejahenden, positiven Sexualität  frei von Gewalterfahrungen.

Der fachlich angemessene Umgang mit dem Thema „kindliche Sexualität“ hat für uns Vorrang vor persönlichen Haltungen, denn Kinder brauchen verlässliche Reaktionen von den pädagogischen Fachkräften!

 

Themen / Inhalte einer aktiven, präventiven Sexualpädagogik

Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass Kinder, deren Fragen von ihren Bezugspersonen nicht beantwortet werden oder die sie erst gar nicht stellen, weil das Thema Sexualität tabuisiert ist, darauf angewiesen sind, sich ihr Wissen anderweitig zu beschaffen. Sie sind sehr empfänglich für Botschaften in der Werbung und erfahren in den Medien, dass Sexualität eine Ware ist, Verfügbarkeit das Attribut weiblicher Sexualität ist, Aggression und Überwältigung Attribute männlicher Sexualität sind u.v.m.  Ein Zugang zur Sexualität als Quelle von Lebensfreude ist mit diesen Erfahrungen kaum möglich. Zusätzlich sind unzureichend oder falsch informierte Kinder einem höheren Risiko ausgesetzt, Opfer von sexuellem Missbrauch zu werden.

 

Um Kindern – wie in anderen Bildungsbereichen auch - Wissen zu vermitteln, praktizieren wir eine aktive Sexualerziehung mit folgenden Inhalten mit dem Ziel der Prävention:

  • Der Schwerpunkt liegt auf den Gefühlen und dem Recht der Kinder, über ihren Körper selbst zu bestimmen!
  • Körper- und Sinneserfahrungen
  • Wissen über biologische Unterschiede zur Entwicklung der sexuellen Identität
  • Korrektes Benennen der Geschlechtsteile
  • Sprachliche Ausdrucksmittel für Geschlechtsorgane und sexuelle Vorgänge
  • Fortpflanzung (Zeugung, Schwangerschaft, Geburt)
  • Sexualität im Kontext sozialer Beziehungen, eng verbunden mit dem menschlichen Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Liebe in verschiedenen Lebensformen (Paare, klassische Familien, Patchwork-Familien, Homosexualität als gleichberechtigte, wenn auch nicht gleich weit verbreitete sexuelle Orientierung).

Welche Aktivitäten lassen wir unter welchen Bedingungen zu?

Welche Einschränkungen gibt es?

 

Wickeln

Beim Wickeln achten wir die Intimsphäre der Kinder mit einem angemessenen Sichtschutz gegenüber Dritten. Der Wickelvorgang ist Beziehungsarbeit, wird sprachlich begleitet und wir berücksichtigen die individuellen Vorlieben / Abneigungen der Kinder.

Nacktheit

Zum Schutz der Intimsphäre aller Kinder (Abholsituation, vorübergehende Spaziergänger etc.) tragen die Kinder beim Baden und beim Spiel mit Wasser auf dem Außengelände ein Badehöschen.

 

Besuch der Toilette / des Waschraumes

Je nach Alter und Entwicklungsphase begleiten wir jedes Kind individuell beim Toilettenbesuch.

In Abhängigkeit von der Konstellation der Kinder (d.h. es herrscht ein etwaiges Gleichgewicht in der Beziehung und bzgl. des Entwicklungsstandes) ist der gemeinsame Besuch einer Toilette in Ordnung. Ungewollte Blicke und Beobachtungen durch andere Kinder werden nach Möglichkeit von den pädagogischen Fachkräften unterbunden.

Seit der Renovierung des großen Waschraumes im Sommer 2011 wird der Schutz der Intimsphäre der Kinder durch die entsprechende Gestaltung noch stärker berücksichtigt.

 

Kindliche Selbstbefriedigung / Masturbation

Das Bedürfnis zur Masturbation wird den Kindern in einem geschützten Raum allein zugestanden. Selbstbefriedigung im Beisein anderer dulden wir nicht, verwenden aber positive Formulierungen, die auch Schamgefühle ansprechen, wie: „Diese schönen Gefühle gehören nur dir, deswegen ist es besser, wenn du das allein machst!“ „Ich möchte nicht dabei zusehen, aber es ist trotzdem in Ordnung, weil es für dich schön ist!“

 

Doktorspiele

Beim Spiel der Kinder in nicht ständig betreuten Nebenräumen zeigen wir zwischenzeitlich immer wieder Präsenz  (anklopfen: „Ist bei euch alles o.k.?“), um Aufsicht und Schutz zu gewährleisten. Dabei berücksichtigen wir die Gruppenkonstellation und stärken Kinder mit geringer ausgeprägtem Selbstbewusstsein, sich an uns zu wenden, wenn persönliche Grenzen überschritten werden.

Da sich häufig Erwachsene in der Kita aufhalten (Eltern, Besucher) akzeptieren wir Nacktheit der Kinder nur im geschützten Raum, vorausgesetzt, es handelt sich um einvernehmliche, freiwillige Verhaltensweisen, und wir signalisieren den Kindern, dass in diesem Fall das Erkunden des eigenen bzw. des Körpers des Spielkameraden o.k. ist.

Bei Doktorspielen dürfen keine Gegenstände in Körperöffnungen eingeführt werden, um Verletzungsgefahren zu vermeiden!

Dem Aspekt der Freiwilligkeit kommt bei Doktorspielen eine besondere Bedeutung zu: jegliche sexuelle Aktivität ist nur in Ordnung, wenn der oder die jeweils Andere das will!

Kommt es zu grenzüberschreitendem Verhalten, auch im Überschwang, werden Kinder nicht beschämt. Es folgen Gespräche, wie im Punkt Fachlich angemessener Umgang mit sexuellen Übergriffen beschrieben.

Grenzen werden von uns klar, aber positiv formuliert.

Im Zusammenhang mit Geschlechtsrollen achten wir auf den gleichen Umgang mit sexuellen Aktivitäten von Jungen und Mädchen, da häufig ein unbewusstes Bedürfnis vorhanden ist, Mädchen in ihrer Intimität stärker zu schützen. Erwartungen sind an die Person, nicht an das Geschlecht geknüpft!

Formen der Vermittlung (Methoden, Medien)

Anknüpfungspunkte für eine aktive, präventive Sexualerziehung sind aktuelle Situationen im Alltag. Solche Anlässe können Gespräche mit einzelnen Kindern, in kleinen Gruppen und im Morgenkreis zur Folge haben.Sexualpädagogische Projekte werden mit vorheriger Information der Eltern umgesetzt.

Grundsätzlich kommen Materialien wie Bilderbücher, Geschichten, Lieder, Materialien zur Körpererfahrung (wie z.B. Körpermassagen mit  Igelbällen u.ä.) zum Einsatz.

Mädchen und Jungen, deren Selbstbewusstsein durch eine aktive, präventive Sexualerziehung gestärkt ist, haben eher die Möglichkeit, grenzüberschreitende Situationen zu erkennen, zu benennen und sich zur Wehr zu setzen.

 

Abgrenzung zu sexuellen Übergriffen unter Kindern

Definition:

Ein sexueller Übergriff liegt dann vor, wenn sexuelle Handlungen durch das übergriffige Kind erzwungen werden bzw. das betroffene Kind sie unfreiwillig duldet oder sich unfreiwillig daran beteiligt. Häufig wird dabei ein Machtgefälle zwischen den beteiligten übergriffigen und betroffenen Kindern ausgenutzt, indem z.B. durch Versprechungen, Anerkennung, Drohung und körperliche Gewalt Druck ausgeübt wird.

Sexuelle Übergriffe beginnen schon bei sexualisierten Beleidigungen oder bei der Sexualisierung der Atmosphäre.

 

Kriterien für sexuelle Übergriffe unter Kindern

Die zentralen Merkmale sexueller Übergriffe sind Unfreiwilligkeit und Machtgefälle, die in vielfältigen Erscheinungsformen auftreten können.

Unfreiwilligkeit ist die entscheidende Trennungslinie zwischen sexuellen Handlungen unter Kindern und sexuellen Übergriffen. Sexuelle Aktivitäten sind freiwillig, bei einem sexuellen Übergriff wird das betroffene Kind überredet, bedrängt oder gezwungen,  Handlungen vorzunehmen oder geschehen zu lassen.

Hierbei ist die Unfreiwilligkeit nicht immer leicht erkennbar; manchmal verändert sich die Freiwilligkeit bei sexuellen Aktivitäten in ihrem Verlauf. Was einvernehmlich begann, wird gegen den Willen Einzelner fortgesetzt. Oft gestalten Kinder Dinge mit, weil sie dazu gehören wollen und der andere sonst nicht mehr mit ihnen spielt („Dann darfst du nachher mitspielen!“), weil ihnen vermittelt wird, sie seien feige („Wenn du nicht mitmachst, dann bist du ein Baby!“), sie werden mit Versprechungen geködert („Dann leihe ich dir meine Barbie.“) oder mit Anerkennung („Dann bist du mein Freund!“).

Unfreiwilligkeit trifft auch dann zu, wenn sexualisierte Beschimpfungen ausgestoßen werden oder wenn sich anwesende Kinder durch sexuelle Handlungen anderer in ihren Schamgrenzen berührt fühlen (z.B. bei Masturbation).

Wird körperlicher Druck ausgeübt, ist die Unfreiwilligkeit deutlich erkennbar (z.B. wenn ein 6-Jähriger ein gleichaltriges Mädchen an die Wand drückt, um sie zu küssen).

Da Situationen manchmal schwer zu durchschauen sind, muss die Einschätzung von den pädagogischen Fachkräften getroffen werden, ob Freiwilligkeit vorliegt. Sie kennen die Kinder und die Dynamik in einer Gruppe. Entscheidend für diese Einschätzung ist das subjektive Empfinden des betroffenen Kindes, weil sein Schutz Priorität hat.

Die Beschwerde eines betroffenen Kindes gibt immer den entscheidenden Hinweis auf Unfreiwilligkeit.

Bei sexuellen Übergriffen nutzt das übergriffige Kind ein vorhandenes oder subjektiv wahrgenommenes Machtgefälle aus. Eine Rolle spielen der Altersunterschied, körperliche Kraft, Intelligenz, das Geschlecht, die Position in der Gruppe, der soziale Status und auch kulturelle, nationale oder religiöse Hintergründe. Mit dem Gefühl der Überlegenheit werden sexuelle Handlungen durchgesetzt, um dabei Kontrolle und Macht zu erfahren. Die eigene Aufwertung wird auf Kosten der Abwertung eines anderen Kindes erreicht.

Bei sexuellen Übergriffen im Überschwang wird zwar die Grenze der Freiwilligkeit überschritten, aber kein Machtgefälle hergestellt oder ausgenutzt. Diese nicht bewussten Grenzverletzungen sind tendenziell bei jüngeren Kindern zu beobachten, deren sexuelle Neugier noch stärker ausgeprägt ist und die noch nicht ausreichend gelernt haben, dass ihre Bedürfnisse an den Bedürfnissen der anderen ihre Grenzen finden.

Bsp.: Zwei 3-jährige Mädchen untersuchen sich im Schambereich. Als ein Mädchen feststellt, dass sich die Schamlippen der anderen anders anfühlen, zieht sie daran, obwohl das Mädchen deutlich sagt, dass sie das lassen soll.

Auch bei sexuellen Übergriffen im Überschwang steht das Selbstbestimmungsrecht des betroffenen Kindes an oberster Stelle und es muss geschützt werden.

 

Zusätzliche Kriterien sexuell übergriffigen Verhaltens sind

  • Geheimhaltungsdruck;
  • sexuelle Erregung des übergriffigen Kindes;
  • vorzeitiges Praktizieren erwachsener Sexualität (nicht Imitation!)

 

Beispiele aus Fachliteratur für sexuell übergriffiges Verhalten:

  • Ein 4-jähriges Mädchen beschwert sich bei ihrer Erzieherin, dass zwei 5-jährige Jungen sie auf dem Klo nicht in Ruhe lassen und immer ihre „Muschi“ angucken wollen.
  • Einige Kinder benutzen Schimpfwörter wie Wichser, Ficker, u.ä.
  • Auf dem Spielplatz wird begeistert „Jungen fangen Mädchen“ und „Mädchen fangen Jungen“ gespielt. Dabei werden den Mädchen öfter Küsse aufgezwungen.
  • Ein 5-jähriges Mädchen, das in der Kindergruppe eine Außenseiterrolle hat, weil die meisten Kinder sich von ihr schnell überrumpelt und in die Enge getrieben fühlen, wird nur zum Mitspielen aufgefordert, wenn es um Doktorspiele geht. Dann zieht sie sich bereitwillig aus und lässt sich untersuchen.
  • Ein 6-Jähriger versucht in der Kuschelecke der Kita einem 3-jährigen Jungen seinen Penis in den Po zu stecken.
  • Auf dem Schulhof ist unter den Jungen „Eierkneifen“ verbreitet. Obwohl das doch nur ein Spiel ist, finden einige jüngere und schwächere Jungen das nicht lustig. Trotzdem hören die anderen nicht auf.

Ca. 75% der sexuellen Übergriffe werden von Jungen ausgeübt, betroffene Kinder sind gleichermaßen Mädchen und Jungen.

Kinder, die sich sexuell übergriffig verhalten, sind mehrheitlich nicht von sexueller Gewalt betroffen, d.h. sexuell übergriffiges Verhalten ist nicht automatisch eine Reinszenierung eigener widerfahrener Gewalt. Sexuelle Übergriffe sind grenzverletzendes Verhalten, möglicherweise aufgrund eigener Ohnmachtserfahrungen und dem Bedürfnis, sich auf Kosten Schwächerer stark zu fühlen. 

 

Was brauchen die Kinder?  

Fachlich angemessener Umgang mit sexuellen Übergriffen

Wir nehmen sexuelle Übergriffe ernst und wissen, dass sich dieses Verhalten nicht „verwächst“, sondern Hilfe zur Veränderung braucht.

Sowohl betroffene als auch übergriffige Kinder brauchen ErzieherInnen in der Kita mit der eindeutigen und entschiedenen Haltung, dass sexuelle Übergriffe unterbunden werden.

Das betroffene Kind braucht Schutz. Das übergriffige Kind braucht eine notwendige Grenzsetzung, dass solch ein Verhalten unterbunden wird und Konsequenzen je nach Intensität des sexuellen Übergriffes erfolgen werden, die eine Wiederholung oder Fortsetzung verhindern. Ebenso bedeutsam ist das Angebot an Handlungsalternativen, damit ein Kind andere, nicht grenzverletzende Verhaltensmuster erlernen kann.

Erforderliche Gespräche finden niemals unter 6 Augen statt (ErzieherIn, betroffenes Kind, übergriffiges Kind), da sich übergriffige Kinder erfahrungsgemäß als „unschuldig“ präsentieren, den Vorfall abstreiten oder umdeuten und alles daran setzen, die Verantwortung (an das betroffene Kind) abzugeben. Die Wahrheit ist so nicht herauszufinden und die Dynamik, die zum sexuellen Übergriff geführt hat (Machtgefälle, Unfreiwilligkeit) wirkt weiter.

 

Die notwendige Reihenfolge ist:

  1.  Umgang mit dem betroffenen Kind:

Das Gespräch mit dem betroffenen Kind hat Priorität; in einer ruhigen Atmosphäre geht es um Aufmerksamkeit, Trost, Schutz und Stärkung.

Da Kinder emotional sehr unterschiedlich auf einen sexuellen Übergriff reagieren (traurig, verletzt, beschämt, wütend…), orientieren wir uns im Umgang mit dem Kind an seinen individuellen Bedürfnissen.

 

Konkrete Fragen / Aussagen können lauten:

  • Wie geht es dir?
  • Erzählst du mir bitte, was passiert ist?
  • Ich bin froh darüber, dass du dich mir anvertraut hast!
  • Du bist nicht verantwortlich für das, was das andere Kind mit dir gemacht hat. Das Kind durfte das (konkret benennen!) nicht tun, es hat deine Grenzen verletzt.
  • Wir Erwachsenen werden überlegen, welche Konsequenzen dieses Verhalten haben wird.
  • Was kann ich für dich tun?
  • Wir schützen dich. Brauchst du andere Unterstützung von uns?

Wir stellen keine „Warum…?“- / „Warum hast du nicht…?“-Fragen und das Gespräch ist umso kürzer, je jünger das Kind ist.

 

2. Umgang mit dem sexuell übergriffigen Kind:

Im Gespräch mit dem Kind geht es um eine klare Positionierung von den Erwachsenen. Wir akzeptieren nicht, dass ein Kind seine scheinbare Überlegenheit ausnutzt und die sexuellen Grenzen eines anderen Kindes überschreitet. Eine deutliche Grenzsetzung richtet sich auf das Verhalten, das genau benannt wird, nicht auf das Kind als Person.

 

Auch hier stellen wir keine „Warum…?“-Fragen, die das Kind nicht beantworten kann, oder „Hast du…?“-Fragen, die das Kind abstreiten wird.

Wir fordern das Kind auf, dieses Verhalten zu unterlassen, und vermitteln ihm, dass wir ihm eine Verhaltensänderung zutrauen.

 

Maßnahmen dienen dem Schutz betroffener Kinder und zielen auf eine Verhaltensänderung durch Einsicht und Einschränkungen:

  • sie müssen geeignet sein, dem übergriffigen Kind den Ernst der Lage aufzuzeigen;
  • sie schränken das übergriffige Kind ein, nicht das Betroffene;
  • sie müssen möglichst zeitnah am Geschehen und befristet sein;
  • sie müssen im Team bekannt sein, konsequent durchgeführt und kontrolliert werden;
  • sie müssen die Würde des übergriffigen Kindes wahren (kein „Vorführen“, keine Strafen).

Maßnahmen werden von den pädagogischen Fachkräften entschieden, nicht von Kindern oder Eltern.

Bsp.:    Ein Kind darf für 3 Tage nicht in Nebenräumen spielen, sondern nur im Blickfeld einer Erzieherin. Beim Wechsel in einen anderen Raum wird das Kind an eine Kollegin „übergeben“.

Anschließend findet nochmals ein Gespräch mit dem übergriffigen Kind über sein Verhalten statt.

Auch wenn ein Vorfall erst nach einiger Zeit bekannt wird, kann eine nachträgliche Intervention mit dem beschriebenen Ablauf Wirkung zeigen.

Nur in Ausnahmefällen sind übergriffige Kinder aus der Gruppe zu nehmen!

 

3. Zusammenarbeit mit den Eltern

Sobald wir von sexuellen Übergriffen erfahren, übernehmen wir Verantwortung und die Eltern der beteiligten Kinder werden frühzeitig informiert.

Die Eltern werden mit ihren Gefühlen und Ängsten, ihrer Aufregung und ihren Sorgen angenommen. Schuldzuweisungen, Stigmatisierung und Demütigung eines Kindes sind hier fehl am Platz! Wir beraten die Eltern, wie sie selbst mit der Situation umgehen können und sich ihrem Kind gegenüber verhalten sollten.

 

4. Themen in der Kindergruppe

Eine präventive Sexualerziehung wird wie o.g. aktiv in Form von Einzelgesprächen, Angeboten und Projekten mit entsprechenden Medien praktiziert.

Aktuelle Anlässe werden in der Kindergruppe aufgegriffen, um grenzverletzendem Verhalten Einhalt zu gebieten und mit entsprechenden Schwerpunkten zu thematisieren.  

 

Sexuelle Gewalt

Erwachsenen-Sexualität ist nichts für Kinder; Erwachsene dürfen Sexualität nur mit Erwachsenen praktizieren!

Ergeben sich für uns Anhaltspunkte für sexuelle Gewalt durch Erwachsene an einem Kind sind wir gem. § 8a SGB VIII (Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung) gesetzlich dazu verpflichtet, das Gefährdungsrisikos abzuschätzen und zu reagieren. Es gilt folgende Vorgehensweise:

  • fachlicher Austausch im Team;
  • Entscheidung der Kita-Leitung bzgl. der Hinzuziehung der insoweit erfahrenen Fachkraft (für den Rhein-Lahn-Kreis: Frau Mader / Frau Heilmann vom Kinderschutzdienst in Lahnstein);
  • Beratung zur Einschätzung des Gefährdungsrisikos mit der zuständigen Fachkraft des Kinderschutzdienstes;
  • je nach Situation:
    • Gespräch mit den Eltern (niemals wenn ein oder beide Elternteile als Täter in Frage kommen!);
    • Information des Trägers und des Jugendamtes

mit entsprechenden weiteren fachlich angemessenen Schritten in Kooperation mit den Fachdiensten..

  

Grundregeln zur Präventionvor sexuellen Übergriffen und sexueller Gewalt

 

Deine Gefühle sind wichtig

Wir bestärken die Kinder darin, ihren Gefühlen zu vertrauen. Es gibt angenehme Gefühle, bei denen ein Kind sich gut und wohl fühlt. Unangenehme Gefühle sagen dem Kind, dass etwas nicht stimmt. Wir ermutigen die Kinder, mit uns über ihre Gefühle zu sprechen, auch wenn es schwierige Gefühle sind.

 

Über deinen Körper bestimmst du alleine

Wir stärken die Kinder in ihrem Recht zu bestimmen, ob, wie, wann, wo und von wem sie angefasst werden möchten.

Es gibt angenehme und unangenehme Berührungen

Wir sprechen mit den Kindern über Berührungen, die sich gut anfühlen und richtig glücklich machen, aber auch über solche, die seltsam sind und Angst auslösen oder sogar weh tun. Erwachsene haben nicht das Recht, ihre Hände unter die Kleider eines Kindes zu stecken und es an der Scheide, am Penis, am Po oder an der Brust zu berühren. Auch wenn Erwachsene so berührt werden möchten, wie du es nicht willst, hat niemand das Recht, ein Kind dazu zu überreden oder zu zwingen; auch nicht Menschen, die das Kind gern hat.

Du hast das Recht, Nein zu sagen

Wir stärken die Kinder darin, Nein zu sagen und sich zu wehren, wenn sie jemand gegen ihren Willen anfassen will. Es gibt Situationen, in denen ein Kind nicht gehorchen muss.

Gute und schlechte Geheimnisse

Wir unterscheiden mit den Kindern gute Geheimnisse, die Freude machen und spannend sind, und schlechte Geheimnisse, die sich schwer und unheimlich anfühlen. Geheimnisse, die dem Kind ein ungutes Gefühl geben, soll es weitersagen, auch wenn das Kind versprochen hat, es nicht zu tun.

Sprich darüber und such Hilfe

Wir ermutigen die Kinder, sich uns oder einer anderen Person anzuvertrauen, wenn sie etwas bedrückt oder sie ein unangenehmes Erlebnis hatten.

Du bist nicht schuld !

Wir vermitteln den Kindern, dass immer die Erwachsenen dafür verantwortlich sind, wenn eine Grenze überschritten wird, egal ob das Kind Nein sagt oder nicht!

 

Für das Team der Kita Scheuern

Iris Zimmermann, Erzieherin / Dipl-Soz-Pädagogin (FH)                Nassau, März 2010

 

   

 

 

 


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